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Eine fantastische Himmelsreise - Särge aus Ghana

 

Texte zur Ausstellung:

 

AFRIKA: Dieser Kontinent ist speziell in letzter Zeit sehr in den Mittelpunkt des Interesses der westlichen Welt geworden. Davon zeugen nicht nur das Musical „König der Löwen“ oder André Hellers Super - Event „Afrika-Afrika“, sondern auch viele Filmproduktionen Hollywoods, die das Thema „Afrika“ zum Mittelpunkt des Geschehens haben. Aber auch internationale Museen (z.B. Düsseldorf) nehmen das künstlerische Potential Afrikas in Ihren Ausstellungen auf.
Somit liegt die Ausstellung


Eine phantastische Himmelsreise“
-Fantasie-Särge aus Ghana-


voll im Trend.

Diese Ausstellung gibt einen Einblick in die in den letzten 50 Jahren entstandene Begräbniskultur Ghanas und zugleich einen Überblick in das künstlerische Oeuvre des Künstler PAA JOE, der all diese Objekte geschaffen hat.
Unsere Ausstellung darf mit ihren 28 der wohl einmaligen Kunstobjekte als eine der weltweit größten Sammlung gezählt werden. Die Ausstellung wird mit einer umfassenden Didaktik komplettiert: Großfotos, Texttafeln, Erläuterungen zu jedem Objekt und ein Film von Thierry Secretan führen diese Begräbniskultur in unser Interesse und machen diese Ausstellung zu einem einmaligen Erlebnis
Ebenso ist das Thema“Der Tod“ in letzter Zeit zum Thema vieler Ausstellungen herangezogen worden, so z.B. im Museum für Sepulkralkunst in Kassel oder z.Z. die Ausstellungsreihe “Erzähl mir was vom Tod“ im Forum des Landesmuseums Hannover, die sogar speziell für Kinder ausgelegt ist.

 

 

Die niederländische Organisation African Affinity, welche sich das Sammeln und Ausstellen afrikanischer Gegenwartskunst zur Aufgabe gemacht hat, stellte diese Sammlung in den Jahren 1995 bis 1997 zusammen und präsentierte diese Phantasiesärge erstmals 1997 im
Museum De Beurs von Berlage /Amsterdam zum ersten mal dem Publikum. Es folgten Ausstellungen im „Provinciaal Museum voor Moderne Kunst“ in Ostende /Belgien, „Museum Kelvin Crove“ in Glasgow/ Schottland,  „Museum Notting Castle“ in Nottigham/England und im Museum von Den Haag, Holland. Seit kurzer Zeit haben die Kunsthändler Gabriele Krombholz & Eberhard  Schnake (Bergheim/Münster) diese Ausstellung, die mit ihren 28 Fantasiesärgen zu einer den größten Sammlungen dieser Art gezählt werden darf, übernommen und  bereitet sie mit vielen Texttafeln und Großfotos für eine Wanderausstellung auf.   
                           
Kontaktadresse :
Krombholz & Schnake, Hohe Str. 15 , 50129 Bergheim, Tel. 02238-942608

Literaturhinweis:
Thierry Secretan, „Going into Darkness- Fantastic Coffins from Africa”, 1995

 

 

ATA OWOO & KANE KWEI

Anfang der fünfziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts legte ATA OWOO (1904 –1976) Die Grundlage für den Entwurf und den Bau der Fantasiesärge. Ata Owoo war ein Künstlerisch begabter Tischler, der sich unter anderem auf die Herstellung ornamentaler Skulpturen, Kirchenmobiliar und Särge verlegt. Der Überlieferung nach sollte er für seinen „Chief“ ( ein sehr wichtiger Mann, aus Teshi eine Sänfte in Form eines Adlers entwerfen und bauen. Seine Arbeit beeindruckte den Chief eines Nachbardorfes so sehr, dass er bei Ata Owoo für sich selbst einen Baldachin in der Form einer Kakaofrucht bestellte (Damals war Ghana das wichtigste Kakao exportierende Land der Welt!).Der Mann starb jedoch bevor seine Bestellung fertig war und man entschloss sich die nachgebaute Kakaofrucht als Sarg zu verwenden.

Ata Owoo war der „Efindenr“ des ersten ghanaischen Fantasiesarges. Es war jedoch sein Meistergeselle Kane Kwei ( 1922-1992), der die Erfindung seines Lehrmeisters zu einer neuen Form der Bestattungskunst entwickelte. Von Ata Owoos Kakaofrucht inspiriert, schuf Kane Kwei für seine verstorbenen Großmutter einen Sarg in der Form eines Flugzeuges. Seine Großmutter lebte in de Nachbarschaft eines englischen Luftstützpunktes, sah viele Flugzeuge steigen und landen und träumte davon, ihre himmlische Reise in einer solchen Flugmaschine zu machen. Ermutigt von Ata Owoo und gestärkt von den begeisterten Reaktionen der Stammesmitglieder, entschied Kana Kwei, sich ganz dem Bau dieser Art Särge zu konzentrieren. 1951, in dem selben Jahr, in dem seine Großmutter starb, eröffnete er
seine Werkstatt in Teshi. Seinen ersten Auftrag bekam Kane Kwei von einem Onkel. Dieser war ein wohlhabender Fischer, der ahnte, dass er bald sterben würde und hoffte, auch nach seinem Tod weiter fischen gehen zu können. Es versteht sich, das der Sarg, in dem er jenseits
des Meeres seinen Weg finden würde, die Form eines Bootes bekommen sollte. An dem Morgen, an dem der  Sarg fertig war und seinem Onkel gezeigt wurde, starb dieser.

Mit seinen Entwürfen versuchte Kane Kwei, einen Bezug auf den Beruf und den sozialen Status des Verstorbenen zu geben. Dieses tat  er manchmal sehr direkt, manchmal eher symbolisch. Oft machte er eine Anspielung auf den materiellen Reichtum, den der Verstorbenen während seines Lebens in seinem Beruf gesammelt hatte. Folglich wurden in der Werkstatt Kane Kweis unter anderem Fischerboote,Fische, Kühe und Zwiebeln nachgebaut, die für die Familien von reich gewordenen Fischern und Bauern bestimmt waren.
Schon bald konnte Kane Kwei von seinen Aufträgen leben und musste sogar wegen der Gesteigerten Nachfrage mehr Personal einstellen. 1961 nahm Kane Kwei seinen Neffen Paa Joe als Lehrling an, der sich später als sein erfolgreichster Nachfolger auszeichnen würde.

 

 

PAA JOE

Paa Joe wurde 1947 in Teshi geboren, wo seine Mutter lebte und arbeitete, indem sie Tomaten verkaufte. Sein Vater hatte einen kleinen Hof in einem Dorf nördlich von Accra, wo Paa Joe als Kind lebte und zur Schule ging. Im Alter von vierzehn Jahren kehrte er nach Teshi
zurück, um für Kane Kwei, dem Neffen seiner Mutter, zu arbeiten. Zehn Jahre machten sie Särge in einer großen Vielzahl von Formen. 1974 eröffnete Paa Joe seine eigene Tischlerei.

Aber es dauerte noch bis 1978, bis er seinen ersten „fantastischen“ Sarg produzierte. Die Familie eines Grundstückmaklers wollte einen Sarg in der Form des Hauses des Verstorbenen. Der zweite Auftrag war ein Sarg in Form eines Adlers und danach wurden diese Särge der
wichtigste Teil seiner Arbeit. Bei dem Entwurf und dem Bau der Särge geht Paa Joe ganz exakt vor. Er erdenkt sich im Kopf ein neues Modell, indem er das vor seinen Augen entstandene Bild bis ins letzte Detail erarbeitet. Wenn der Sarg fertig ist, vermisst er ihn und erstellt Schablonen, damit die nächsten Särge leichter zu fertigen sind und in Einzelteilen von den  Angestellten vorbereitet werden können. Stimmen die Proportionen der Figur nicht mit der Vorstellung überein, dann sägt und hobelt Paa Joe so lange, bis er sieht, dass alles richtig ist.

Die meisten Kunden von Paa Joe sind Christen, die Ga-Traditionen treu geblieben sind, nach denen die Verbindung mit den Vorfahren extram wichtig sind. Die Särge spiegeln wider, was dem Verstorbenen im Leben wichtig war, welchen Charakter oder welche Wunschträume er hatte. Oft hat das Aussehen des Sargs etwas mit dem beruflichen Erfolg zu tun. So stellt Paa Joe für Fischer oft „Fischsärge“ her. Dabei muß alledings darauf geachtet werden, dass jede Kategorie von Fischern ihren eigenen Sarg bekommt: Fischer, die nah an der Küste arbeiten, fangen hauptsächlich Hummer- sie treten ihre Himmelsreise in einem Hummer an.

Auf offener See fangen die Schleppnetzfischer Rotlachs- dementsprechend sehen ihre Särge aus.Wer im Leben beruflich mit Gemüse zu tun hatte, will es in Ghana auch bei seiner Reise in den Himmel nicht missen: Pflanzer und Händler von Gemüse bestellen gerne einen
Sarg in Form einer Paprikaschote oder einer Zwiebel.

Mütter die viele Kinder und Enkelkinder hatten, werden in einem Sarg in Form einer Henne begraben. Eine Ehre für eine Frau, die sich zu einem Großteil mit um das Einkommen der Familie gekümmert hat. Rund um die Henne hat Paa Joe kleine Küken angebracht- genau
so viele , wie die Frau Kinder und Enkelkinder hat. Doch es geht noch kusioser: Auch Särge in Form eines Mercedes, einer Bibel oder eines Turnschuhs hat der afrikanische Tischler schon hergestellt. Mittlerweile sind die Fantasiesärge von Kane Kwei und Paa Joe
in der ganzen Welt bekannt. Sie wurden und werden auch heute noch in Ausstellungen der afrikanischen Gegenwartskunst gezeigt und sind in  museale und private Kollektionen in Europa und den Vereinigten Staatenaufgenommen worden. In der abendländischen Welt
werden die fantastischen Särge Ghanas leider oft als heitere Skulpturen gesehen, deren bedeutungsvoller Inhalt angesichts des kuriosen Erscheinungsbildes in den Hintergrund rückt. An der Küste Ghanas, wo die Gezeiten  in einem ewigen Rhythmus den Wandel der Zeit verdeutlichen, fungieren diese merkwürdigen Särge als himmlische Transportmittel, die auch in Zukunft noch auf die Verbindung zwischen Sichtbaren und Unsichtbaren hinweisen werden.

Literaturhinweis:
Thierry Secretan, „Going into Darkness- Fantastic Coffins from Afrika”
London: Thames und Hudson Ltd. 1995

 
 

© Krombholz & Schnake GBR., Hohe Straße 15, 50129 Bergheim, Tel. 02238-942608